Von 100 Mark bis zum Millionen-Koffer: Die Geld-Reise des Lothar Matthäus
Wie sich Fußball-Gehälter und Moral über Jahrzehnte veränderten – erzählt von Deutschlands Rekordnationalspieler höchstpersönlich.
Lothar Matthäus (64) war nie nur ein Fußballer – er war immer auch Zeitzeuge einer Branche im Wandel. Von 100 Mark im Monat bis zu Millionenangeboten im Geldkoffer: In dem Buch „Transfer-Insider“ von BILD-Fußballchef Christian Falk gewährt der Rekordnationalspieler selten ehrliche Einblicke hinter die Kulissen seiner Karriere. Er redet über Gehälter, Versuchungen und Entscheidungen, die nicht immer vom Geld gelenkt waren.
Matthäus’ Weg von Verein zu Verein zeigt auch, wie sich Fußball, Geld und Macht über Jahrzehnte verändert haben. Hier erfährst du, warum Matthäus Millionen ablehnte, wann er bewusst verzichtete und wie früh der Transfer-Wahnsinn begann.
#1 1. FC Herzogenaurach (1978) – Fußball für 100 Mark
Wie bei so vielen Profis beginnt der Weg in den bezahlten Fußball im Heimatverein: Bei Lothar Matthäus ist das der 1. FC Herzogenaurach. Als 17-Jähriger wird er in die 1. Mannschaft berufen. Geld spielt damals für Lothar Matthäus (64) kaum eine Rolle. „Beim 1. FC Herzogenaurach verdiente ich 100 Mark im Monat plus Prämien“, erinnert sich der gebürtige Erlanger. Wichtiger ist zu diesem Zeitpunkt das Umfeld – und die tiefe Verbindung zu Puma. Sein Vater arbeitete dort als Hausmeister, Matthäus bleibt der Sportmarke bis heute verbunden.
Schon damals ist allen klar: Die vierte Liga ist nur eine Durchgangsstation. Puma-Chef Armin Dassler verspricht ihm: Wenn Matthäus mit 18 Jahren die Führerscheinprüfung schafft, bekommt er ein Auto – einen grünen Golf. Gesagt, getan. Nach der erfolgreichen Prüfung legt Matthäus den Führerschein auf den Tresen und bekommt für 99 Pfennig den ersehnten ersten Flitzer.
Es soll nicht die letzte Erfolgsprämie sein, die Matthäus sich verdient.
#2 Borussia Mönchengladbach (1979) – Der erste Profivertrag
1979 folgt der nächste Schritt: der Wechsel in die Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach. Zum ersten Mal unterschreibt Matthäus einen echten Profivertrag. „Ich bekam damals ein Grundgehalt von 2500 Mark im Monat“, erinnert er sich. Mit entsprechenden, zusätzlichen Prämien bedeutet das bis zu 100.000 Mark im Jahr – ordentlich für die damalige Zeit, aber noch weit entfernt von späteren Dimensionen.
Ganz Europa wird auf das Talent aufmerksam. 1981 meldet sich Juventus Turin – die Offerte klingt gigantisch: „Sie wollten mein Gehalt verzwanzigfachen.“ Mit 20 Jahren könnte er netto eine Million Mark verdienen, doch er lehnt ab und verlängert stattdessen in Gladbach. Eine Unterschrift, die sich trotzdem rechnete: Fortan verdient Matthäus bis zu 220.000 Mark.
Das schnelle Geld spielt auch später bei seinen Entscheidungen nicht die Hauptrolle.
Borussia Mönchengladbach – Geld oder sportliche Entwicklung?
Es bleibt nicht beim Juve-Angebot. Kurz darauf kommt Hellas Verona ins Spiel. Italien lockt erneut. „Ich hätte bei Hellas 600.000 Mark netto verdient“, schreibt Matthäus. Doch wieder trifft er eine Entscheidung, die das Sportliche vor das Finanzielle stellt.
Verona soll später einen anderen deutschen Nationalspieler holen: „Hans-Peter Briegel muss mir dafür bis heute dankbar sein. Wäre ich zu Verona gewechselt, hätte ich einen der wenigen Ausländerplätze im Kader belegt. Sein Wechsel 1984 wäre somit wahrscheinlich nie zustande gekommen, und er hätte nicht mit Verona 1985 die Meisterschaft gewonnen.“
Lothar Matthäus aber will seine Titel zunächst in Deutschland holen.
#3 FC Bayern München (1984) – Der Wechsel in den Süden
1984 geht es zum FC Bayern. Sportlich wie finanziell ein Sprung nach vorn. „In München bekam ich knapp 500.000 Mark plus Prämien“, notiert er. Die Ablöse liegt damals bei 2,4 Millionen Mark.
In Gladbach versuchen sie zuvor alles, um ihr Mittelfeldjuwel zu halten. Laut Matthäus bietet Fohlen–Trainer Jupp Heynckes sogar an, auf 100.000 Mark seines Gehalts zu verzichten, damit es der Verein auf das Angebot für Matthäus draufpacken kann. Der 1. FC Köln bietet sogar noch mehr Gehalt als die Bayern. Doch Matthäus zieht es bewusst in den Süden der Republik: „Ich entschied mich für den FC Bayern, weil ich Titel gewinnen wollte.“
Und so soll es kommen.
FC Bayern – Wenn Millionen im Koffer warten
Die Zeit im roten Trikot ist genau so, wie es sich der damals 23-jährige vorstellt: titelreich. Und so begegnet Matthäus Mitte der 80er-Jahre dem, was heute Alltag ist: unmoralischen Angeboten. 1986 klopft der große AC Mailand an. „Die wollten mich für eine Million Mark netto holen“, erinnert er sich. Die Bedingung damals: eine Unterschrift, die ihn exklusiv an Milan bindet – selbst dann, wenn er gar nicht wechselt.
Noch konkreter wird es mit der SSC Neapel. Eine Delegation trifft sich mit ihm in einem Münchner Restaurant – und hat überzeugende Argumente dabei. „Eine Million Mark in Scheinen wartete auf mich in einem Koffer.“ Matthäus ist mulmig zumute. Er lässt den Koffer stehen und unterschreibt nicht.
Es kommt aber trotzdem zu einem Wiedersehen mit Diego Maradona.
#4 Inter Mailand (1988) – Die stärkste Liga der Welt
1988 wird es dann doch Italien. Matthäus wechselt vom FC Bayern zu Inter Mailand. Damit erreicht er endgültig die Spitzengehälter der Zeit. „Bei Inter verdiente ich rund eine Million Mark netto im Jahr“, schreibt er. Die Serie A ist zu dieser Zeit das Zentrum des Weltfußballs. „Italien war damals die Topliga in Europa“, erklärt Matthäus, „vergleichbar heute mit dem Stellenwert der Premier League.“
Sportlich wie finanziell erlebt er hier seine stärksten Jahre. Inter wird zur Bühne für internationalen Ruhm.
Und lockt noch größere Interessenten an.
Inter Mailand – Der verpasste Real-Traum
1991 meldet sich Real Madrid. „Die Königlichen wollten mich unbedingt in das weiße Trikot stecken, und ich gebe zu: Mich hätte dieser Wechsel sportlich sehr gereizt“, gibt Matthäus zu. Das Angebot: 18 Millionen Mark Ablöse – doch Inter Mailand winkt ab.
Präsident Ernesto Pellegrini unterstellt Matthäus, es gehe ihm nur ums Geld. Die Lösung: eine Gehaltserhöhung um 500.000 Mark. „Es war die Differenz, die ich in Madrid mehr verdient hätte.“ Der Real-Traum bleibt unerfüllt – Matthäus’ Bankkonto dagegen nicht.
Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien – das wusste schon ein anderer Großer.
#5 FC Bayern München (1992) – Rückkehr in die alte Heimat
1992 kehrt Matthäus nach München zurück – mitten in seiner Reha-Zeit nach einem Kreuzbandriss. „Mein Jahresgehalt betrug in den kommenden Jahren nun 1,2 Millionen Mark“, erinnert sich Matthäus. Er weiß, dass andere im Team mehr verdienen, nimmt es aber hin, weil die Rückkehr ihm wichtiger ist. „Jeder verhandelt für sich“, hält er nüchtern fest.
Sportlich folgt ein schnelles Comeback. Nur fünf Monate nach seiner Verletzung gibt er im September 1992 sein Comeback, kurz darauf folgt ein Tor des Jahres. Die Zeit wird legendär – turbulent, medial aufgeheizt und geht als die Ära des „FC Hollywood“ in die Geschichte ein.
Es folgen noch große Erfolge.
FC Bayern München – Späte Erfolge und das Ende an der Isar
Auch im späten Fußballeralter erlebt Lothar Matthäus noch Höhepunkte. 1996 gewinnt er mit dem FC Bayern den UEFA–Cup. 1999 wird er mit 38 Jahren erneut Deutschlands Fußballer des Jahres. Verliert aber auch im selben Jahr mit Bayern München auf dramatische Weise im Finale der UEFA Champions League. Matthäus spürt, dass sich seine Karriere dem Ende nähert.
2000 folgt der letzte Wechsel – erstmals ohne Ablöse. Jahrzehnte im europäischen Spitzenfußball reichen, es wird Zeit für Neues.
„I hope, we have a little bit lucky.“
#6 MetroStars New York (2000) – Abschied ohne Neid
Im März 2000 unterschreibt Matthäus bei den New York MetroStars in der MLS. Es ist sein letzter Vertrag als Spieler. Bis zum Saisonende im September bekommt der dann 39-Jährige knapp eine Million Dollar netto.
„Spieler wie Harry Kane oder Jamal Musiala können beim FC Bayern geschätzt rund 25 Millionen Euro brutto im Jahr verdienen. Ich war nie neidisch auf Spieler, die mehr verdienten als ich, und bin es auch heute nicht.“ Für Matthäus ist klar: Jede Epoche hat ihre eigenen Maßstäbe.
Alle Zitate stammen aus dem Buch „Transfer-Insider“ von BILD-Fußballchef Christian Falk. Erschienen im riva Verlag.
