Geheimakte Mannschaftshotel: Wo die DFB–Elf Weltmeister wurde – und wo sie baden ging.

Die kuriosen Geschichten aus 70 Jahren DFB-Quartieren bei WMs und EMs. Und wieso so manches Mannschaftshotel für den Turniererfolg entscheidend war.

Die deutsche Nationalmannschaft wird bei der WM 2014 in Brasilien zum vierten Mal Weltmeister.
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Betten-Check beim DFB: Von „toten Hunden“, Legoland und Zetteln auf dem Nachttisch

Man sagt ja immer, die Wahrheit liege auf dem Platz. Völliger Quatsch! Die Wahrheit liegt oft genug auf einer durchgelegenen Matratze in der Provinz oder in einer verqualmten Hotelküche beim dritten Bier. Deutschland und seine WM–/EM–Quartiere – das ist eine Beziehungsgeschichte irgendwo zwischen Wellness-Oase und Hochsicherheitstrakt. Wir zeigen euch die legendärsten Mannschaftshotels der DFB-Elf und warum dort oft mehr über mögliche Weltmeister–Titel entschieden wurde, als auf dem grünen Rasen.

Bitte einchecken.

Die deutsche Nationalmannschaft wird bei der WM 1954 in der Schweiz zum ersten Mal Weltmeister.
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#1 Hotel Belvedere, Spiez, Schweiz (1954): Wo der Geist über sie kam

Es ist die Mutter aller Mannschaftshotels. Wer hier heute eincheckt, den erwarten fünf Sterne und Seeblick – 1954 erwartet Bundestrainer Sepp Herberger vor allem eins: Disziplin. Der „Chef“, wie ihn sein Kapitän Fritz Walter respektvoll nennt, findet hier vor majestätischer Alpenkulisse die richtige Mischung aus knallharten Ansagen und langer Leine. Die heimliche Kneipentour von „Boss“ Helmut Rahn übersieht er geflissentlich und soll dafür im Finale belohnt werden („aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen …“). Dank harten Trainings, täglicher Spaziergänge am Thunersee und stundenlangen Kartenspiels auf den Doppelzimmern entwickelt sich im Hotel Belvedere etwas, was niemand vorher buchen kann: der „Geist von Spiez“.

Das Ergebnis? Das Wunder von Bern: ein sensationeller 3:2-Endspielsieg gegen Ungarn, die damals mit Abstand beste Mannschaft der Welt. Der erste deutsche Weltmeistertitel ist untrennbar mit dem Hotel am Thunersee verbunden.

Die Sportschule Malente war das Mannschaftsquartier der DFB–Elf bei der WM 1974.
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#2 Sportschule Malente, Deutschland (1974): Kein Sehnsuchtsort

Wer 1974 bei der ersten WM auf deutschem Boden Nationalspieler ist, hat quartierstechnisch wenig zu lachen. Die Sportschule Malente (Schleswig–Holstein) ruft nicht nur bei Paul Breitner Beklemmungsgefühle hervor : „Wie bei der Bundeswehr. Auf acht Quadratmetern im Doppelzimmer eingesperrt.“ Der „Kaiser“ Franz Beckenbauer berichtet später mit Schüttelfrost vom „Höhepunkt“ der dreiwöchigen Leidenszeit: einem Ausflug ins nahegelegene Legoland.

Die Einkasernierung hat aber auch einen Sicherheitsaspekt: Wegen des Terrorakts zwei Jahre zuvor bei Olympia in München wird die deutsche Nationalmannschaft von der GSG 9 auf Schritt und Tritt bewacht und abgeschirmt. Ein wenig überzeugender Turnierstart und die 0:1–Niederlage gegen die DDR gipfeln in der legendären „Nacht von Malente“: In der Küche der Sportschule geigen sich die Nationalspieler bei Bier und Zigaretten bis in die frühen Morgenstunden die Meinung. Danach spielen die Unterkunftsaspekte keine Rolle mehr, und die DFB-Elf spielt doch noch eine erfolgreiche WM. Der Lohn: ein 2:1-Finalsieg über Lieblingsgegner Holland und der zweite Weltmeisterpokal für Deutschland. Malente bleibt trotzdem kein Sehnsuchtsort.

„Da liegt der Hund begraben." Bei der WM 1978 in Argentinien war es anscheinend das Mannschaftsquartier.
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#3 Ascochinga, Argentinien (1978): „Da liegt der Hund begraben."

Nach dem Erfolg kommt oft der Hochmut – oder das falsche Hotel. Bei der WM 1978 kommt der deutsche Titelverteidiger in einer Offiziersschule der argentinischen Luftwaffe unter. Völlig isoliert inmitten der Einöde – laut Weltmeister Bernd Hölzenbein „am Ende der Welt“. Der Name des Ortes: Ascochinga. Reporter vor Ort übersetzen das: „toter Hund“. Und genau so spielt die Mannschaft dann auch.

Vielleicht liegt es an den langen Siestas, die die Spieler aus Ermangelung an Alternativen im Garten abhalten, oder an den täglichen Heimorgelkonzerten eines extra mitgereisten Musikers – das Team wirkt schwunglos und bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Das Turnier endet für die DFB-Elf in der Zwischenrunde mit der legendären „Schmach von Córdoba“, einer 2:3–Niederlage gegen Österreich. Merke: Ziehe niemals an einen Ort, der nach einem verendeten Haustier benannt ist.

Das deutsche Mannschaftshotel am Comer See: der Ausgangspunkt für den Titelgewinn bei der WM 1990 in Italien.
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#4 Erba, Comer See, Italien (1990): La Dolce Vita als Erfolgsrezept

Zwölf Jahre später hat man beim DFB dazugelernt. Statt Kaserne gibt es Italien pur – im „Castello di Casiglio“. Im Mannschaftshotel am Comer See herrscht eine Lockerheit, die man beim DFB bis dahin nur aus dem Wörterbuch kennt. Familienbesuch? Erlaubt! Ein Espresso zwischendurch? Pflicht! Lothar Matthäus und seine Inter–Mailand–Kollegen fühlen sich wie im heimischen Wohnzimmer.

„Il Grande Lothar“ flitzt mit seinem privaten roten Cabriolet ebenso traumwandlerisch durch die Uferstraßen, wie beim WM-Turnier durch die gegnerischen Abwehrreihen. Es ist die italienische Einfachheit des Seins, die die deutsche Mannschaft inspiriert – und die keiner besser formulieren kann als Teamchef Franz Beckenbauer vor dem 1:0-Finalsieg gegen Argentinien: „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“

Im Jahr der Wiedervereinigung passt einfach alles zusammen – inklusive des dritten Sterns. Das „Castello di Casiglio“ gilt heute als das erste „Campo“ des DFB – ein Ort, an dem das seelische Wohlbefinden der Spieler ebenso wichtig ist wie das Training auf dem Platz.

Football is coming home: Die EM 1996 wurde mit dem Titelgewinn trotz vieler Probleme für die deutsche Nationalmannschaft ein voller Erfolg.
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#5 Mottram Hall, Manchester, England (1996): Ein Kulturschock

Bei der EM 1996 in England vertraut Bundestrainer Berti Vogts auf eine Empfehlung von Manchester United–Trainerlegende Sir Alex Ferguson. Und so residiert das deutsche Team im luxuriösen Mottram Hall bei Manchester. Ob es an der noblen Atmosphäre liegt oder aber am schweren englischen Frühstück: Die Mannschaft wird von einer Verletzungsmisere biblischen Ausmaßes heimgesucht.

Dazu kommt ein Sauna-Skandal: Als die deutschen Kicker wie gewohnt textilfrei saunieren wollen, löst das im Hotel einen Kulturschock aus. In England herrscht ein striktes Badehosengebot! Oh my dear, shocking!

Aber allen Widrigkeiten zum Trotz humpelt die deutsche Nationalmannschaft auf der letzten Rille bis ins EM-Finale.

Vielleicht war der Quartierswechsel in die Finalstadt London schlußendlich der Schlüssel zum Erfolg. Das „Golden Goal“ von Oliver Bierhoff zum 2:1-Sieg gegen Tschechien führt zu einer legendären Sieg-Party im neuen Mannschaftshotel „The Landmark". Es heißt, die Gesänge „Eli, rück die Kohle raus … duda, duda!“ (gerichtet an den damaligen DFB-Schatzmeister Egidius Braun) hallen immer noch durch die prachtvolle Nobelherberge.

Das Sommermärchen 2006: Im Schlosshotel Grunewald schrieb die deutsche Nationalmannschaft Geschichte.
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#6 Schlosshotel im Grunewald, Deutschland (2006): Ein Hotelzettel schreibt Geschichte

Das Sommermärchen bei der Heim–WM 2006 hat seine Zentrale im Grunewald. Auf ausdrücklichen Wunsch von Bundestrainer Jürgen Klinsmann: Der sucht die Nähe zum pulsierenden Zentrum Berlins, um positive Energie und Leichtigkeit zu erzeugen.

Dort, zwischen edlen Vorhängen und schweren Teppichen, zieht die neue Moderne ein: Spielerlounges, neueste Videotechnik, überall Bilder von jubelnden Fans und dem WM–Pokal. Vielleicht ist es die Magie dieses Zusammenspiels, die Deutschland 2006 ein Fußballsommermärchen schenkt, von dem Menschen noch heute schwärmen.

Sicher ist auf jeden Fall: Im Schlosshotel Grunewald entsteht das wohl wichtigste Stück Papier der deutschen Fußballgeschichte. Torwarttrainer Andreas Köpke kritzelt auf einen Hotelbriefblock die Schussgewohnheiten der Argentinier. Jens Lehmann holt den Zettel im Elfmeterschießen des Viertelfinales aus dem Stutzen, hält zwei Elfmeter und erschafft damit Fußballgeschichte.

Der „Lehmann-Zettel“ ist übrigens im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn ausgestellt – mit deutlich erkennbarem Schlosshotel-Briefkopf.

Bei der WM 2014 in Brasilien ist das „Campo Bahia" Schlüsselort für den Gewinn des vierten Sterns.
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#7 Campo Bahia, Brasilien (2014): Das Erlernen der brasilianischen Gleichmütigkeit

Was die wenigsten wissen: Das legendäre Campo Bahia war zuerst alles andere als das. Noch bis Minuten vor der Ankunft der deutschen Nationalmannschaft wird gewerkelt, gestrichen und geräumt. Und auch während des Turniers funktioniert längst nicht alles.

Aber die deutschen Spieler lassen sich auf die brasilianische Art ein, mit Widrigkeiten umzugehen. Und es ist das Konzept der Hausgemeinschaften (in jeder Villa wohnen bis zu sechs Spieler zusammen), das aus einer Ansammlung von Vereinsakteuren „die Mannschaft“ (so wird die DFB-Elf in Brasilien ehrfürchtig genannt) werden lässt – ein verschworener Haufen.

Am Strand von Santo André treffen Bundestrainer Joachim Löw, seine Spieler und deren Familien auf Fans und Einheimische. Hier entsteht die Leichtigkeit, mit der selbst der WM-Gastgeber mit 7:1 weggefegt wird und am Ende den vierten Stern einbringt.

Aber nicht jeder hat das Campo Bahia in guter Erinnerung: Benedikt Höwedes bemerkt hier zum ersten Mal, dass seine Haare lichter werden. Weltmeister werden kostet eben Substanz – selbst wenn man am Pool des Campo Bahia liegen kann.

Ein Mannschaftshotel zum Vergessen: Das „Watutinki" ist Sinnbild einer für die DFB–Elf desaströsen WM 2018.
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#8 Watutinki, Russland (2018): Der Birkenhain des Grauens

Ein Wort reicht, um einen kompletten WM-Alptraum zu beschreiben: Watutinki. Ein Mannschaftshotel vor den Toren Moskaus, mitten in einem Birkenwald und umgeben vom Charme einer sowjetischen Plattenbausiedlung. Ein Ort, der aussieht, als hätte man ihn eigens dafür gebaut, jede Form von Lebensfreude zuverlässig zu neutralisieren.

Weltmeistertrainer Joachim Löw will lieber ins sonnige Sotschi, ans Schwarze Meer. Will Strand, Palmen, Licht. Dorthin, wo er mit einer B–Mannschaft 2017 den Confed Cup gewinnt. Stattdessen bekommt er: Watutinki. Mit seinen Birken. Vielen, vielen Birken.

In dieser Tristesse zocken die Spieler so oft bis tief in die Nacht an den Spielekonsolen, dass der DFB sogar das Hotel–WLAN abstellen lassen muss. Ohne große Wirkung: Ausgeschlafen wirkt der Titelverteidiger beim Turnier überhaupt nicht. Das Ergebnis: eine historische Blamage – das Aus schon in der Vorrunde. So schnell wie noch nie checkt eine deutsche Nationalmannschaft aus einem Mannschaftshotel aus. Augenzeugen berichten: Manche Spieler sollen beim Verlassen Watutinkis sogar erleichtert aufgeatmet haben. Nie wieder Birken!

Bei der WM 2026 schlägt die deutsche Nationalmannschaft ihr "Team Base Camp" in Winston Salem im US–Bundesstaat North Carolina auf.
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#9 Ausblick: WM 2026, USA – Hier wird (eine) Geschichte geschrieben – nur welche?

Für die WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA ist die Mission klar: Die Lehren aus Malente, Ascochinga und Watutinki sind gezogen. Bundestrainer Julian Nagelsmann und sein Team kommen im historischen The Graylyn Estate unter – einem schlossähnlichen Boutique-Hotel in North Carolina im Südosten der USA.

Hier gibt es keine Strandbar wie im Campo Bahia und auch keinen See vor der Hotelterrasse wie in Spiez. Aber das Anwesen, mit viel Grün drum herum, macht den Eindruck, als könne man es hier durchaus 42 Tage (Anreisetag bis Finaltag) aushalten. Wir dürfen gespannt sein, welche Geschichten diesmal vom deutschen Mannschaftsquartier überliefert werden.